Dieter Wolke: Der Gesellschaft wird gerade erst bewusst, wie folgenschwer Bullying ist.

DIE LANGZEITFOLGEN VON BULLYING

Dieter Wolke: „Wichtige Entwicklungseinflüsse wurden übergangen“

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Die Hälfte der Kinder leidet und schweigt. Sind die Eltern sehr hart zu ihren Kindern, trauen sich diese nicht, darüber zu sprechen. Und bei überängstlichen Eltern sagen sie nichts, weil sie befürchten, dass sonst die Hölle los sein wird. Es ist jedoch von wesentlicher Bedeutung, dass die betroffenen Kinder mit jemandem reden. Das kann neben Mutter oder Vater ein Lehrer oder eine Lehrerin sein oder eventuell auch ein Kinderpsychiater.

Bullying ist eine unterschätzte Gefahr für die geistige Gesundheit. Und das wird sich nicht ändern, solange die Behandelnden nicht durchschauen, wie die Täter denken und handeln und warum die Opfer schweigen. Professor Dieter Wolke (Universität von Warwick, Vereinigtes Königreich) erforscht das Thema Bullying. Als Grundsatzreferent auf der Genfer Tagung ESCAP 2017 hat er erläuterd, welch großes Problem Bullying darstellt, wobei er auf die Unterschiede in Bezug auf die emotionalen Folgen zwischen reinen Opfern und Bullying-Opfern, die unterschiedlichen kognitiven Vorurteile sowie die Lösungsmöglichkeiten in Form von Interventionen eingehen wird.

Dieter Wolke: „Ich bin dieses Forschungsprojekt ohne große Erwartungen angegangen. Doch je mehr ich mich in die Materie vertiefte, desto größer war mein Erstaunen darüber, wie schwerwiegend die Folgen von Bullying sein können.“
Lange Zeit wurde Bullying anscheinend nicht ernst genommen. Haben Sie eine Erklärung dafür?
„Etwa 25 % aller Kinder werden auf die eine oder andere Art Opfer von Bullying. Doch darauf haben viele immer noch die folgende Antwort parat: 'Na ja, wenn das so oft passiert, dann ist das normal. So sind Kinder nun einmal. Darauf muss man nicht eingehen.' Man sollte mal vorschlagen, 20-50 % der Bevölkerung, die irgendwann in ihrem Leben mal einen Knochen brechen, nicht zu behandeln ... Wie kann die Prävalenz eines Problems jemals ein Grund dafür sein, Menschen, die unter diesem Problem leiden, nicht zu behandeln?“

Erhebliches Problem
„In der Öffentlichkeit fasst erst seit kurzem das Bewusstsein Fuß, dass Bullying tatsächlich ein erhebliches Problem darstellt. Bei der Beantragung von Fördergeldern werden wir immer noch von Pontius zu Pilatus geschickt. Unsere Anträge wurden mehr als einmal abgelehnt. Man hat Schwierigkeiten bei der Einordnung: Geht es um Gesundheit, Bildung oder Erziehung? Aber welche Kategorie nun anwendbar ist – ob Kinderpsychiatrie oder Bildung, Allgemeinmedizin oder Psychologie – ist nicht wirklich interessant. Verschiedene Aspekte des Funktionierens von Kindern werden beeinträchtigt, wobei eben auch verschiedene Fachbereiche involviert sind. Ich möchte mich lieber auf die Tatsachen konzentrieren und diesen Kindern helfen. Zunächst müssen wir unmissverständlich deutlich machen, dass Bullying ein Problem ist.“

Beziehungen zu Gleichaltrigen
Der Titel Ihres Grundsatzreferats betont, welch wichtige Rolle Gleichaltrige und Geschwister spielen. Warum ist es für einen Kinderpsychiater oder -psychologen von Belang, die Beziehungen ihrer Patienten zu Gleichaltrigen zu kennen?
„Vor etwa 30 Jahren konzentrierte sich meine Forschung hauptsächlich auf die Elternverhalten und wie sich diese auf die Entwicklung von Kindern auswirkt. Zu Forschungsbeginn untersuchten wir Kinder, die als sehr schwierig galten, das heißt sie weinten viel, schliefen nicht oder Ähnliches. Damals fanden wir heraus, dass Eltern häufig die Illusion hatten, ihre Kinder erziehen und sie umfassend ändern zu können. Es wurden eine Menge genetische und andere Forschungen angestellt, die die Frage aufwarfen: Wie kann es sein, dass Kinder innerhalb derselben Familie so unterschiedlich sein können, obwohl sie dieselben Eltern haben? Dann verschob sich mein Forschungsschwerpunkt in den 1990ern in Richtung Bullying – erst in Deutschland und dann in Großbritannien. Was mich als Entwicklungspsychologe an der Entwicklungspsychopathologie interessierte, war die Tatsache, dass diese Kinder bei Erreichen des 18. Lebensjahrs viel mehr Zeit mit Gleichaltrigen verbracht haben als mit den Eltern. Vom Kindergarten über die Schule bis zur Universität: Die jungen Leute um sie herum müssen mindestens so viel Einfluss auf sie gehabt haben wie die Eltern. Michael Rutter und Barbara Maughan verfassten Fifteen Thousand Hours über diesen Aspekt der Erziehungs- und Bildungseinflüsse. Ich war ziemlich erstaunt, als ich herausfand, dass die Psychopathologie Beziehungen zu Gleichaltrigen bei der Forschung mehr oder weniger unbeachtet ließ. Außerdem fanden wir heraus, dass Mediziner wie der Hausarzt, aber auch Kinder- und Jugendpsychiater, ein Kind mit Kopf- oder Bauchschmerzen oder einem psychologischen Problem wohl nach dem Verhältnis zu den Eltern fragten, aber nie nach dem Verhältnis zu Geschwistern oder Schulkameraden.“

Haben also Psychiater und Psychologen die Rolle einer guten Beziehung zu Gleichaltrigen unterschätzt?
„Ja, das hat man ganz außer acht gelassen. Antisoziale Gleichaltrige im Zusammenhang mit Verhaltensstörungen: Das hat man wohl bis zu einem gewissen Grad erforscht, wobei Familienfaktoren in Bezug auf Kriminalität, Gruppen und Banden im Vordergrund standen. Doch Bullying-Täter sind nicht unbedingt verhaltensgestört. Wir unterscheiden beim Bullying zwischen drei verschiedenen Gruppen. Der reine Bullying-Täter ist dominant und steht auf der sozialen Leiter oben. In der Schule kennt ihn jeder. Er ist einerseits gefürchtet, gilt andererseits aber auch als cool. Dann gibt es das Opfer, das selber nie schikaniert, sondern einfach viktimisiert wird. Und dann gibt es noch die dritte Gruppe, die Täter-Opfer. Bei dieser Gruppe sind die schwersten psychiatrischen Folgen zu verzeichnen. Diese Kinder werden erst viktimisiert und versuchen dann erfolglos, andere zu drangsalieren. Sozial gesehen ziehen sie immer den Kürzeren. Kinder dieser Kategorie handeln normalerweise im Auftrag des dominanten Bullying-Täters, der eine Führungsrolle einnimmt. Andere Kinder erkennen die niedrigere soziale Stellung des Täter-Opfers und fangen möglicherweise auch an zu viktimisieren."

Wegweisende Forschungen
„In anderen Bereichen, wie im Bildungswesen etwa, wurden z. B. das Peer-Learning und gruppeninterne Beziehungen erforscht. Wenn man sich jedoch die Psychopathologie anschaut, beispielsweise die Entwicklung von Depressionen oder Psychosen, wurde der Einfluss von Gleichaltrigen bis vor 20 Jahren nicht einmal erwähnt. Als wir anfingen, psychotische Symptome zu untersuchen, waren die Hauptkriterien für die Erlangung von Fördermitteln gesellschaftliche Faktoren, Migrationsstatus, prä- und perinatale Folgen und genetische Faktoren. Doch unsere Forschungsergebnisse zeigten alle, dass die schwerwiegendsten Folgen in Bezug auf die Entwicklung psychotischer Systeme bei Bullying-Opfern zu verzeichnen sind. Das Interesse an den langfristigen Auswirkungen von Bullying ist vor allem in der Psychiatrie eine relativ neue Entwicklung.“

Gene und Erziehung
Bullying geht von Gleichaltrigen und Geschwistern aus. Sind Sie der Meinung, man sollte Eltern nicht dafür verantwortlich machen?
„Ich sage nicht, dass Eltern irrelevant sind. Die Frage lautet nicht einfach: Haben Gene einen Einfluss, oder dreht sich alles um die Erziehung? Natürlich spielt beides eine Rolle. Was ich sagen will, ist, dass – neben der Erziehung – ein wichtiger Teil der Entwicklungseinflüsse, die zu Psychopathologie führen können, unbeachtet blieb, obwohl er unbedingt Beachtung verdient. Zwei Studien, die in den USA und Großbritannien durchgeführt wurden, ergaben, dass die Folgen von Bullying in Bezug auf Angstzustände und Depressionen bzw. affektive Störungen größer waren als die Folgen von sexuellem Missbrauch oder Misshandlung. Sie sind zumindest vergleichbar und genauso schwerwiegend.“

Überängstlichen Eltern
„Ein weiterer Teil der Antwort auf diese Frage ist, ob es auf die Eltern zurückzuführen ist, wenn Kinder zum Täter, Opfer-Täter oder Opfer werden. Wir analysierten den möglichen Einfluss der Erziehung. Es stellte sich heraus, dass die Wahrscheinlichkeit zum Täter-Opfer oder zum Opfer zu werden bei Kindern, die von ihren Eltern schwer misshandelt wurden, größer war. Doch interessanterweise ist die Wahrscheinlichkeit, dass man zum reinen Opfer wird, bei Kindern mit überängstlichen Eltern – den so genannten Helikopter-Eltern – ebenfalls größer, weil diese Kinder nie gelernt haben, mit Konflikten umzugehen. In diesen Fällen regeln die Eltern alles. Tatsächlich ist häufig gerade bei diesen Eltern die Hölle los, sobald sie vom Bullying erfahren. Sie rufen wiederholt in der Schule an, bei den anderen Eltern und dem Rest, organisieren Zusammenkünfte und machen einen großen Wirbel daraus. Obwohl sie nicht beabsichtigen, die Sache noch schlimmer zu machen, kann das Kind das Gefühl haben, das Ganze noch einmal erleben zu müssen. Weil jetzt alle Bescheid wissen ...“

Bullying fängt oft zu Hause an
„Überdies fängt das Ganze häufig zu Hause an, nämlich unter Geschwistern. Wenn ein Kind den Bruder oder die Schwester zu Hause schikaniert oder hänselt, verdreifacht sich die Wahrscheinlichkeit, dass es auch andere Kinder in der Schule drangsaliert. Das ist angelerntes Verhalten. Wenn man Opfer ist, fühlt man sich in der Klemme: Nirgends fühlt man sich sicher, denn sowohl zu Hause als auch in der Schule kann das Bullying rund um die Uhr weitergehen. Das bedeutet, dass Eltern zu Hause etwas tun können.“

Und auf der anderen Seite sind da noch die Gene, der Charakter des Kinds.
„Ja. Ein Bullying-Täter, der zum ersten Mal in die Klasse kommt, weiß noch nicht, wer sein Opfer sein wird. Er wird es an jedem Kind ausprobieren. Und er wird seine Aufmerksamkeit auf diejenigen richten, die nicht einfach weggehen, sondern auf das Bullying erschüttert reagieren und womöglich anfangen zu weinen. Der Täter in spe prüft, ob diese Kinder Freunde haben, die ihnen helfen. Wenn nicht, sind keine Kämpfe zu erwarten und werden diese Kinder zu einfachen Zielscheiben. Der individuelle Charakter eines Kindes ist also ein wichtiger Hinweis darauf, wer zum Opfer wird. Vor allem die psychologischen Charakteristika sind wichtig, also ob jemand verletzlich oder gefühlsbetont ist oder mangelnde soziale Kompetenzen besitzt. Körperliche Merkmale spielen eine viel kleinere Rolle als häufig angenommen wird. Bei Jungen kann ein kleinerer Wuchs oder weniger körperliche Kraft etwas ausmachen, während bei weiblichen Teenagern die äußerlich attraktiveren Mädchen eher ausgeschlossen werden. Doch obwohl individuelle Charakteristika eine Rolle spielen, bedeutet das nicht, dass man den Opfern die Schuld geben sollte. Jedes Kind hat das Recht, in einer sicheren Umgebung aufzuwachsen.“

Ablehnung durch Gleichaltrige
Fällt Ihrer Meinung nach die Ablehnung durch Gleichaltrige unter Bullying?
„Bei Bullying geht es um Machtmissbrauch, wobei jemand wiederholt negativen Handlungen eines anderen ausgesetzt ist. Das ist die Definition. Alle Kinder werden mit Konflikten konfrontiert, und das ist keine schlechte Sache, denn dadurch lernen sie, wie man verhandelt. Doch dem Bullying sind Kinder jede Woche ausgesetzt, oft mehrmals wöchentlich. Das Bullying kann verbaler oder körperlicher Art sein, es kann um Erpressung gehen, oder relationaler Art sein, was etwas häufiger bei Mädchen vorkommt. Soziale Ausgrenzung durch die Verbreitung von Gerüchten zum Beispiel. Oder einem Kind wird ein übler Streich gespielt oder es wird von bestimmten Aktivitäten ausgeschlossen. Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, einen Gleichaltrigen auszuschliessen und schaden, ist also Teil der Definition von Bullying. In der Literatur zur Kindesentwicklung wird Peer Rejection, die Ablehnung durch Gleichaltrige, normalerweise mithilfe von Peer-Nominierungen in der Klasse gemessen, wobei die Ergebnisse in der Klasse standardisiert werden, um zu definieren, wer abgelehnt wird und wer nicht. Dagegen wird Bullying über das Verhalten und dessen Frequenz definiert. So können die Bullying-Quoten von Klassen, Schulen und sogar von Ländern miteinander verglichen werden, während das bei Peer Rejection nicht möglich ist, da dies innerhalb einer Klasse normiert wird.“

Wie schwerwiegend sind die Folgen von Bullying?
„Schwerwiegend. Eine vor Kurzem durchgeführte Studie belegt, dass etwa 16.000 Kinder in Großbritannien überhaupt nicht zur Schule gehen, weil sie dort dem Bullying von Gleichaltrigen ausgesetzt sind. Sich mit anderen Kindern zu arrangieren ist nicht nur ein wirklich wichtiger Teil des sozialen Lebens und der Entwicklung unserer Kinder, sondern auch eine entscheidende Lebensaufgabe. Wenn man erwachsen wird, muss man lernen, wie man mit Gleichaltrigen umgeht. Davon hängt das Leben ab. Denn irgendwann werden die Eltern tot sein, und ohne echte Beziehungen zu Gleichaltrigen vereinsamt man und wird zum Außenseiter.“

Schwere geistige Störungen
„Bullying und schwere mentale Störungen sind ziemlich eng miteinander verknüpft. Und wir tun relativ wenig mit dieser Tatsache. Eine unserer Studien zeigt zum Beispiel, dass 27 % aller Depressionen auf Bullying zurückzuführen sind. Ähnliche Ergebnisse liegen für Angststörungen, gesteigertes selbstverletzendes Verhalten und Suizid sowie psychotische Symptome vor. Natürlich sind diese Studien noch ziemlich neuen Datums. Sie wurden jedoch schon von verschiedenen Forschern in mehreren Ländern wiederholt.“
„Zu den Langzeitfolgen von Bullying bis ins Erwachsenenalter gehört auch der Wohlstandseffekt. Erwachsene, die als Kind Bullying zum Opfer fielen, finden es schwieriger in Gruppenverbänden arbeiten. Sie kündigen häufiger ihren Job und arbeiten lieber als Selbstständige, ohne andere um sich herum. Und es gibt auch privat eher Probleme, zum Beispiel bei der Partnersuche, beim Aufbau von Vertrauensbeziehungen, Teamwork und dem Erhalt stabiler Freundschaften."

Wie wirkt sich Bullying nun genau auf Jugendliche auf der Schwelle zum Erwachsenwerden aus?
„Bullying kann schon früh in der Kindheit vorkommen, wird aber mit zunehmendem Alter gravierender, da sich Bullying um Dominanz und soziale Kontrolle dreht. Durch sozialen Aufstieg bekommt man Zugang zu Ressourcen. Man kann zum Beispiel nach einem Partner suchen und kann sexuelle Beziehungen aufbauen. Wenn man also als Junge oder Mädchen cool und einflussreich ist, hat man mehr Umgang mit Gleichaltrigen und vergrößert so seine Chancen. Bei diesem Konkurrenzkampf dient Bullying als eine Strategie, Konkurrenten auszuschalten. Bei Mädchen kommt es beispielsweise oft nicht nur darauf an, sich mithilfe von Schminke und Kleidung attraktiver zu machen. Manche Mädchen greifen zum Bullying, um andere zu diffamieren und auszugrenzen. Dementsprechend sahen wir eine höhere Quote des relationalen Bullying auf Mädchenschulen, wo es an der Ressource ‘Jungs’ mangelt, während andere Studien belegten, dass, je attraktiver der/die potenzielle Konkurrent ist, die Wahrscheinlichkeit der Diffamierung umso höher ist.“

Mehr Ungleichheit, mehr Bullying
„Was den reinen Bullying-Täter angeht, haben wir kaum Negativfolgen entdecken können, die sich ins Erwachsenenalter erstrecken. Wenn man sich das einmal klar macht, ist das ganz schön beunruhigend. So als würde die Natur uns sagen: Es ist gut, zum Bullying-Täter zu werden. Der wird nie viktimisiert. Es gibt Gesellschaften, in denen das Bullying bei schwindendem Angebot an Ressourcen zunimmt. Noch interessanter ist der Vergleich zwischen verschiedenen sozioökonomischen Niveaus: Je größer die Diskrepanz zwischen Arm und Reich, desto mehr Bullying-Täter gibt es. Ich glaube, die Ursache liegt darin, dass dort, wo große Einkommensunterschiede herrschen, alles taugt, was einen voranbringt. In Ländern dagegen, in denen die Ressourcen allen zur Verfügung stehen, ist die Notwendigkeit des Bullying geringer. Bei meinem Vortrag auf der ESCAP-Tagung in Genf werde ich eine Karte zeigen, auf der der Kontrast zwischen den nordischen Ländern und Ländern wie Russland, den USA und Großbritannien zu sehen ist. Derselbe Mechanismus greift in Schulen, wo zum Beispiel die Bullying-Quoten in Klassen mit einer deutlicher entwickelten sozialen Hierarchiehöher oder stabiler sind.“ (Mehr lesen über die Negativfolgen sozialer Ungleichheit auf die psychische Gesundheit von Kindern)

Wie lernt man, ein Bullying-Täter zu werden?
„Der Großteil der Forschung kreiste um die Opfer. Wir wissen relativ wenig über reine Bullying-Täter. Wir wissen, dass sie gut darin sind, den Gefühlszustand anderer Kinder problemlos zu erkennen. Sie scheinen auch gut zu durchschauen, wie Gruppen funktionieren. Sie zeigen jedoch sehr wenig Empathie, und moralische Dilemmas scheinen sie weniger zu belasten. Ihr Sozialverhalten zeichnet sich durch Unempfindlichkeit aus. Wir haben uns natürlich auch gefragt, ob sie dieses Verhalten wohl von zu Hause mitgebracht haben. In den meisten Fällen gehe ich nicht davon aus, dass Eltern es gutheißen, wenn ihre Kinder zu Bullying-Tätern werden. Ich glaube eher, dass sich ihr Verhalten von individuellen Charakteristika ableitet, in Kombination mit erzieherischem Verhalten, wobei Bullying aus dem Interesse heraus, das Kind "voranzubringen", unbeabsichtigt gebilligt wird. Zwischen gutem Führungsverhalten und Bullying verläuft möglicherweise ein schmaler Grat. Wenn man sich Universitätsrektoren, Firmenbosse multinationaler Konzerne oder die Bankiers heutzutage anschaut: Wer sind die guten Führungsleute und wer sind die Tyrannen? Der Unterschied liegt vielleicht in der Art und Weise, wie diese Menschen andere beraten, sich in andere einfühlen und die Ansichten anderer bei der eigenen Entscheidungsfindung berücksichtigen. Ein ausschlaggebender Unterschied liegt wohl darin, dass ein Tyrann nachts schlafen kann – was auch immer mit anderen Menschen passiert. Da offenbart sich die Unempfindlichkeit der Tyrannen. In der Zukunft sollte sich die Forschung darauf konzentrieren herauszufinden, wie ein Tyrann bzw. ein Bullying-Täter funktioniert. So können wir wirksamere Interventionen entwickeln.“

Neuroimaging
„Wir haben kein spezifisches Aktivierungsmuster beim Neuroimaging gefunden. Die Forschung steckt da aber in Bezug auf Bullying noch in den Kinderschuhen. Die Frage lautet: Wo liegen die Unterschiede? Im Belohnungszentrum? Bei der Emotionserkennung? Wo befindet sich der für die Moral zuständige Teil unseres Gehirns, wo man das festmachen könnte? Doch kurzfristig ist das nicht wirklich relevant. Ich kann Probleme konstatieren und sie analysieren, ohne zu wissen, wo genau das im Gehirn stattfindet. Ich weiß, dass es nicht im großen Zeh ist, aber die Hirnaktivierungsmuster zu durchschauen ist keine Grundvoraussetzung für eine effektive Intervention. Das wäre natürlich sehr publizierbar und wissenschaftlich gesehen von großem fundamentalem Interesse. Doch für einen Schullehrer würden eine Analyse der Charakteristika und der Klassendynamik einerseits und Instrumente im Umgang mit Bullying andererseits ausreichen, um eine Änderung herbeizuführen.“

Ist ein Schulwechsel eine mögliche Lösung für die Opfer?
„Manche Eltern schicken ihre Kinder tatsächlich auf eine andere Schule. Doch die Wahrscheinlichkeit ist dann doppelt so groß, erneut zum Opfer zu werden. Weil sich die Charakteristika inzwischen wohl nicht geändert haben. Und bei einem Schulwechsel ist es häufig auch noch so, dass man eher Opfer von Bullying wird, weil man weniger Freunde hat. Ein Schulwechsel kann also helfen, muss aber gut in die Wege geleitet werden.“

Cyberbullying
Sie haben zuvor gesagt, dass Cyberbullying – Bullying über soziale Medien im Internet – weniger folgenreich ist als von einigen Experten behauptet wird.
„Wir haben gerade einen Artikel mit dem Titel 'Cyberbullying: a storm in a teacup' – Cyberbullying, ein Sturm im Wasserglas – eingereicht: Darin steht, dass die Folgen von Cyberbullying so nachteilig und schwerwiegend sind wie das direkte Bullying. Es ist allerdings die Frage, ob es dadurch eine Menge neuer Opfer gibt oder ob es vor allem eine andere Waffe des Täterarsenals darstellt. Cyberbullying ist in den Medien sehr präsent und jagt den Menschen Angst ein. Wir haben jedoch herausgefunden – und das wird von mehreren neuen Studien bestätigt –, dass nur wenige neue Opfer entstehen. Mehr als 85 % des Bullying findet noch immer über das direkte Bullying statt. Das direkte Bullying ist physisch, verbal oder relational, während Cyberbullying meistens ein weiteres Werkzeug darstellt, diejenigen zu verletzen, die bereits durch direktes Bullying viktimisiert wurden. Da es bei Bullying um Macht und Dominanz geht, hat ein Täter wenig davon, wenn er eine fremde Person aus einer anderen Region oder einem anderen Land angreift. Er richtet sich vor allem auf Personen vor Ort, die bereits viktimisiert wurden. Wenn man aber darüber hinaus auch noch auf den sozialen Medien als Zielscheibe von Bullying-Tätern hingestellt wird, ist das sehr verletzend und kann dem Opfer den letzten Rest geben: Es kommt in die Schule und wird damit konfrontiert, dass alle die Negativkommentare oder die peinlichen Bilder gesehen haben und ihn oder sie auslachen. Über das Cyberbullying kann der Täter rund um die Uhr sein Opfer angreifen. Deswegen müssen wir das Problem sehr ernst nehmen.“

Dieter Wolke biograhie

Le professeur Dieter Wolke a étudié à l’Université de Kiel (Allemagne) et a obtenu son doctorat à la Faculté de sciences de l’Université de Londres. Il a travaillé dans différents collèges au sein de l’Université de Londres (the Institute of Education, King’s College, the UCL Great Ormond Street Institute of Child Health, the Hospital for Sick Children) et pour les Universités de Munich, Hertfordshire (chaire) et Bristol (chaire en psychologie du développement vie entière et directeur adjoint de l’Avon Longitudinal Study of Parents and Children ou ALSPAC). Avant de rejoindre l’Université de Warwick, il fut professeur invité à l’Université de Zurich et directeur scientifique de la Jacobs Foundation de Zurich (2004–2006). Il enseigne actuellement la psychologie du développement et les différences individuelles au sein du département de psychologie (faculté de sciences) de l’Université de Warwick et dans une partie du service de bien-être et santé mentale (Warwick Medical School). Il est également directeur du Lifespan Health and Wellbeing Research Stream du département de psychologie. En 2014, il a obtenu un doctorat honoris causa de la faculté de psychologie de l’Université de la Ruhr à Bochum pour sa contribution à la psychologie.
La plupart de ses recherches sont interdisciplinaires (associant psychologie et sciences sociales et médicales), longitudinales et axées sur le domaine de la psychopathologie du développement. Ses principaux domaines de recherche sont les suivants :

  1. Persécution des pairs ou des frères et sœurs (harcèlement) : précurseurs, conséquences et interventions
  2. Problèmes de maîtrise précoces dans la petite enfance et conséquences à long terme
  3. Impact de la prématurité sur le développement du cerveau, le développement psychologique et la qualité de vie

Il travaille sur toute une série d’études au Royaume-Uni et en Allemagne, dont des études de suivi avec la cohorte ALSPAC, l’EPICure Study, la Bavarian Longitudinal Study et la UK Household Longitudinal Study (Understanding Society), qui est, avec le recueil des données de 100 000 personnes, la plus grande étude longitudinale par panel au monde et qui est spécialement axée sur les biomarqueurs. Dieter Wolke a publié plus de 250 articles dans des revues de premier ordre et fait partie du comité de rédaction d’un certain nombre de revues et de plusieurs commissions consultatives scientifiques.
(source : programme EPSY 2015)

THE LANCET PSYCHIATRY
LA SÉRIE SUR LE HARCÈLEMENT

The Lancet Psychiatry on Bullying
En savoir plus à propos du harcèlement:  The Lancet Psychiatry Series and Editorial on childhood and bullying.

Veröffentlichungen

Young people who are being bullied - do they want general practice support?

Scott E, Dale J, Russell R, Wolke D.
BMC Fam Pract. 2016 Aug 22;17(1):116. doi: 10.1186/s12875-016-0517-9.

Bullying in the family: sibling bullying.
Wolke D, Tippett N, Dantchev S.
Lancet Psychiatry. 2015 Oct;2(10):917-29. doi: 10.1016/S2215-0366(15)00262-X.

Adult mental health consequences of peer bullying and maltreatment in childhood: two cohorts in two countries.
Lereya ST, Copeland WE, Costello EJ, Wolke D.
Lancet Psychiatry. 2015 Jun;2(6):524-31. doi: 10.1016/S2215-0366(15)00165-0.

Does childhood bullying predict eating disorder symptoms? A prospective, longitudinal analysis.
Copeland WE, Bulik CM, Zucker N, Wolke D, Lereya ST, Costello EJ.
Int J Eat Disord. 2015 Dec;48(8):1141-9. doi: 10.1002/eat.22459.

Bully/victims: a longitudinal, population-based cohort study of their mental health.
Lereya ST, Copeland WE, Zammit S, Wolke D.
Eur Child Adolesc Psychiatry. 2015 Dec;24(12):1461-71. doi: 10.1007/s00787-015-0705-5.

Bullying of preterm children and emotional problems at school age: cross-culturally invariant effects.
Wolke D, Baumann N, Strauss V, Johnson S, Marlow N.
J Pediatr. 2015 Jun;166(6):1417-22. doi: 10.1016/j.jpeds.2015.02.055.

Long-term effects of bullying.
Wolke D, Lereya ST.
Arch Dis Child. 2015 Sep;100(9):879-85. doi: 10.1136/archdischild-2014-306667.

Sibling bullying and risk of depression, anxiety, and self-harm: a prospective cohort study.
Bowes L, Wolke D, Joinson C, Lereya ST, Lewis G.
Pediatrics. 2014 Oct;134(4):e1032-9. doi: 10.1542/peds.2014-0832.

Bullying and parasomnias: a longitudinal cohort study.
Wolke D, Lereya ST.
Pediatrics. 2014 Oct;134(4):e1040-8. doi: 10.1542/peds.2014-1295.

Aggression between siblings: Associations with the home environment and peer bullying.
Tippett N, Wolke D.
Aggress Behav. 2015 Jan;41(1):14-24. doi: 10.1002/ab.21557.

Body-esteem of pupils who attended single-sex versus mixed-sex schools: a cross-sectional study of intrasexual competition and peer victimization.
Lereya ST, Eryigit-Madzwamuse S, Patra C, Smith JH, Wolke D.
J Adolesc. 2014 Oct;37(7):1109-19. doi: 10.1016/j.adolescence.2014.08.005.

Socioeconomic status and bullying: a meta-analysis.
Tippett N, Wolke D.
Am J Public Health. 2014 Jun;104(6):e48-59. doi: 10.2105/AJPH.2014.301960.